Kapitel 1

Jäger 

Rin folgte einem kleineren Nebenfluss des Shogawa, um sich nicht der Stadt Nanto zu nähern. Abgesehen vom Gestank, trieben dort vermehrt Banditen ihr Unwesen. Nanto diente ihnen als Stützpunkt, während sie auszogen und umliegende Lager plünderten. Ihr Anführer war kein geringerer als General Obito Watanabe, dem im letzten Blitzkrieg eine wichtige Position zuteilgeworden war. 

Im vergangenen Monat ging Abschnitt Drei auf sein Konto. Rin erinnerte sich an die Überlebenden, die im Siebten Hilfe erbettelt hatten. Es waren vier Männer gewesen; dürre, alte Männer, die nicht mehr zur Arbeit taugten. Rins Anführer hatte den Männern Unterschlupf für eine Woche gewährt. Nicht mehr und nicht weniger. 

Die junge Frau überquerte den Fluss am alten Wachposten. Er diente Jägern heute als Beobachtungsstand und bot durch seine Höhe von über drei Metern Schutz in den Nächten. Verwilderte Großhunde gingen in dieser Gegend auf Fang; schon zu Kriegszeiten hatten sie kein Halt mehr vor den Menschen gemacht, sondern sie zu ihrer Beute gezählt. Damals war es der Geruch von Blut gewesen, der sie getrieben hatte. Mittlerweile steckte es in ihren Genen. 

Hochwachsende Gebirgswiesen umgaben den alten Wachposten am Shogawa. Die Sonne stand im Zenit und trieb Rin den Schweiß auf die Stirn. Sie visierte einen grauen Feldhasen an, der sich zwischen den Felsen hervorragend tarnte. Vermutlich hatte ihn eine Schlange aus dem Bau gezwungen, gewöhnlich steckten sie die langen Ohren erst am späten Abend aus den Löchern. 

Darum mochte Rin die Hasenjagd am meisten; in der Nacht verließ sie sich auf all ihre Sinne und aus Abschnitt Sieben konnte ihr keiner das Wasser reichen. Sie jagte Hasen und Nagetiere, wagte sich an streunende Hunde heran und tötete mit einer antrainierten Präzision, die ihrer Beute ein schnelles Sterben erlaubte. 

Rin hasste die Menschen für ihre Skrupellosigkeit. Hasste ihren eigenen Anführer, weil er die Nutzlosen vom Lager fernhielt. Menschen töteten aus Berechnung, aus Gier, aus Lust. Rin tötete aus ähnlichen, verwerflichen Gründen, wenn es um ihr Leben und das ihrer Gruppe ging, doch nie aus Spaß. Nie aus Gefallen. Und nur bei besonderen Gegebenheiten ließ sie sich zum Töten Zeit. 

Als der Hase aufschrak und sich seine kleinen, runden Augen weiteten, steckte bereits ein schmales Messer in seinem Genick. Er fiel in sich zusammen, trat aus Reflex mit den Hinterläufen gegen die Felsen und erlag dem Todeskampf, bevor er seinen Feind bemerkt hatte.

*** 

Im Schatten großer Granitbrocken knisterten die Flammen. Rin hatte dem Hasen das Fell abgezogen und seine Haut zum Trocknen in die Sonne gelegt. Während sein Fleisch über dem Feuer garte, döste sie und genoss die Wärme. 

Der Abend brach an. Wind kam auf und wehte ihre dunklen Haare durcheinander. Seufzend erhob sie sich aus ihrer Müdigkeit und schulterte den Rucksack. Den Hasen wollte sie oben im Ausguck essen, weil sie sich darauf einstellen musste, durch den schmackhaften Duft andere Raubtiere anzuziehen. Sie löschte das Feuer, vergrub die Lagerstelle und begann den Aufstieg. 

Die Stufen waren morsch und gaben auch unter ihrem geringen Gewicht nach. Nur mit Vorsicht konnte sie den Turm erklimmen, ohne dabei rücklings in die Tiefe zu fallen. 

Die Nächte in der Wildnis waren gefährlich – sie lockten Bären und Wölfe aus ihren Verstecken und degradierten die nachtblinden Stadtmenschen, die die meisten noch immer waren, zu leichten Opfern. Längst hatte sich die Natur zurückgeholt, was ihr genommen wurde. Sie kannte weder Gnade, noch besaß sie ein Herz. Sie holte sich, was sie wollte und wann sie es wollte. 

Und irgendwann, ahnte die junge Frau mit dem hübschen Gesicht und den kalten Augen, würde auch sie nicht verschont bleiben. 

*** 

Ein entferntes Geräusch weckte in der Nacht Rins Aufmerksamkeit. 

Sie ließ die Hasenkeule fallen und krabbelte zum Ausguck auf der anderen Seite. Der Vollmond leuchtete und ließ sie bis ins Tal hinabblicken. Das Flackern einer Fackel weckte ihre Instinkte. Menschenjagd, schoss es durch ihren Kopf. Die Banditen von Nanto jagten ihre Beute. 

Rin rieb sich die müden Augen. Wenn sie den nächsten Morgen erleben wollte, durfte sie nicht einnicken. Sie packte ihr Abendessen in den Rucksack und zog stattdessen eine alte Browning heraus. Den Lauf der Automatikwaffe legte sie auf den Rahmen; sie atmete tief ein. Mit ruhigen Händen folgte sie der rennenden Fackel und fragte sich, warum es bei der einen blieb. Mittlerweile erkannte sie die Umrisse des Trägers – breite Schultern, groß, wahrscheinlich Militärkleidung – einer von Watanabes Männern. Mit etwas Glück würde ihre Kugel aus der Entfernung seinen Schädel spalten. 

Rin war eine gute Jägerin. 

Unterhalb des Hochstands knacksten herumliegende Äste. Rin hatte sie mit Absicht dort verstreut, um unwillkommenen Gästen zuvorzukommen. Nun hielt sie die Luft an und lauschte. Ihre Augen tränten vor Anstrengung, dann bemerkte sie die zierliche Gestalt zwischen den Pfosten der Stufen. Es handelte sich um eine Frau. Man brauchte kein trainiertes Gehör, um das leise, weibliche Wimmern wahrzunehmen. 

Dummes Ding, dachte Rin mit antrainierter Kälte, wenn du dort sitzen bleibst, bist du in ein paar Minuten mausetot. 

Die wichtigste Regel, die es in allen dreizehn Abschnitten in und um Tokio gab, lautete: Sichere dein eigenes Überleben. Mische dich nicht ein. Halte deinen Kopf aus der Schlinge, denn sie zieht sich immer zu. 

Einige Sekunden vergingen, doch dann wurde aus dem Wimmern ein Weinen. Rin hätte über so viel Dummheit am liebsten gelacht. Der Wind würde das Schluchzen zum Feind tragen und ihn anlocken. Er war ihr ohnehin auf den Fersen, aber nun verspielte die Fremde ihre letzte Chance, sich in unbekanntes Terrain zu retten. War es ihre Absicht, sich fangen zu lassen? Wusste sie nicht, was ihr unter Watanabes Männer blühen würde? 

Rin unterbrach ihre Gedanken und suchte im Tal nach der Fackel. Sie war verschwunden, gleichzeitig hörte sie das Klackern von herunterrollendem Gestein. Natürlich – der Fackelträger war lediglich die Ablenkung gewesen, damit sich die Beute für einen Moment in Sicherheit wiegte. Der andere, der sich lautlos in der Dunkelheit bewegte, war der eigentliche Jäger. 

Der Fremden blieb keine einzige Minute, denn Menschen waren unbarmherzige Vampire. Bevor sie ihr das Leben aussaugten, würde sie längst um den Tod betteln. 

Rin sah den Schatten Sekunden, bevor die Frau ihn hören konnte. Ihrer Kehle entwich ein piepsiges Kreischen, während sich die schmalen Arme um die Pfosten krallten. 

Der Stärkere überlebt, kam es Rin in den Sinn, die die Situation von oben bemitleidete. Diese Frau war es definitiv nicht, Watanabes Handlanger würde es sein. 

»Bitte nicht«, weinte sie. Es kam so leise aus ihrem Mund, dass Rin die Ohren spitzen musste. Wolken hatten sich vor den Mond geschoben und ließen sie nur ahnen, wohin sich die beiden Körper bewegten. Doch die Beute dieser Jagd hatte sich nicht lange genug am Pfosten gehalten. Zunächst erklang ihre Stimme direkt unter Rin, dann war sie einige Meter entfernt. Das Weinen wurde eindringlich, die Stimme, als sie erneut bettelte, zitternder. 

Rin biss sich auf die Unterlippe. Ihr Herz schlug schneller, ihr Blutdruck stieg. Es rauschte in ihren Ohren. Trotzdem zwang sie sich zur Ruhe. Zur Gelassenheit. Sie hatte in ihrem kurzen Leben viele Schlachten geschlagen, diese sollte nicht dazu gehören. Vor einigen Jahren hätte es vielleicht anders ausgesehen. Vor einigen Jahren hätte sie geholfen, wäre hinuntergesprungen, um den Ausgang der Geschichte zu verändern. Nun aber, hier und heute, ließen sie ihre eigenen Erfahrungen vor Entscheidungen wie dieser stoppen. Mitgefühl besaß keine Bedeutung mehr in einem Land wie diesem. 

»Bettel doch, so viel du willst. Es ändert nichts.« Der unbarmherzige Ton der anderen Stimme – die des Mannes, dem die Gier vermutlich im Gesicht stand – gefror Rin das Blut in den Adern. Durch seinen Ton wusste sie, was der Frau bevorstand: welche Qualen sie zu erleiden hatte, welche Folter ihr widerfahren würde. Wie oft hatte sie selbst Männer so sprechen hören? 

Als Kind, während sie noch mit ihrer Mutter zusammenlebte; als Heranwachsende ohne feste Bleibe, nachdem Sklavenhändler ihre Mutter totgeprügelt hatten. 

Rin zwang sich, nicht zurückzudenken und aufkeimende Erinnerungen zu verdrängen. Nichts von alldem sah man ihr an; sie wirkte auf andere wie die meisten jungen Frauen in diesen Zeiten: abgemagert, hilflos, ohne Zuversicht. In ihren Augen aber, die so viel schon gesehen hatten, spiegelte sich ihre dunkle Seele; das, was ihr Ich ausmachte – Kälte, Hass und Furchtlosigkeit. Aber ebenso Mitgefühl. 

Und Kreativität. 

In Rin steckte eine gute Jägerin. Eine Lautlose. Besser als Mamoru, den man Rin als Anführer nur vorzog, weil in ihr der Irrsinn steckte, den jeder im Abschnitt fürchtete. Rin war es nur recht; sie hätte nie Anführerin sein wollen, weil sie nur in einem gut war: Bei der Jagd. 

Und nicht nur bei der Jagd auf Tieren. 

Als sich die Wolken verzogen und das Mondlicht die Wiesen erhellte, erkannte Rin die junge Frau, die gar keine war. Zierlich und klein, schwach und weinend. Rin sah hinunter, sah das junge Ding von höchstens sechzehn Jahren, und blickte für den Bruchteil eines Augenaufschlags zu ihrem jüngeren Ich. Wimmernd, ängstlich. 

Hoffend auf Rettung, die niemals kam. 

***

Plopp, machte es langsam. PloppPlopp. 

Rin hielt die Augen geschlossen und erschauerte, als der Wind aufbrauste und über ihre erröteten Wangen wehte. Ihr Atem ging schnell, langsamer jedoch als vor einer Minute. Ein Krampf durchfuhr ihre rechte Hand, in der noch immer das unscheinbare Karambitmesser lag. Sie wollte es nicht zurück in ihren Stiefel stecken; noch nicht. Stattdessen kostete sie den Moment aus und zog die kühle Nachtluft tief in ihre Lungen. 

Es drang ein raschelndes Geräusch an ihre Ohren und schlagartig riss sie die Augen auf. 

»Bin ich die nächste?«, fragte die Stimme des Mädchens. Rin hatte Mühe, sie überhaupt zu verstehen. Statt sich ihr zuzuwenden, hockte sie sich neben die Leiche und begann damit, die Taschen zu durchwühlen. Ihre Stiefel schwammen im Blut, doch das störte sie nicht. Sie fingerte ein Messer aus der Brusttasche und eine geladene Walther PP aus dem Holster. 

»Schlechte Idee, sich jetzt aus dem Staub zu machen.« Rin sah nicht auf. Die raschelnde Kleidung des linkischen Mädchens verriet es ihr. 

»Ich …« 

»Ich möchte dich nicht töten, falls du das denkst. Wäre Schwachsinn, oder?« 

»Du willst mich verkaufen?« 

Rin lachte. Die Fremde klang so erschrocken, als wäre ein Verkauf tausendmal schlimmer, als das, was ihr eigentliches Schicksal gewesen wäre. 

»Wie kommst du auf so was? Sehe ich aus wie ein Sklavenhändler?« Rin schüttelte amüsiert den Kopf. »Vielen Dank dafür. Wie ist dein Name?« 

Das Mädchen gab keine Antwort. Es schien, als würde sie immer noch darauf warten, von Rins Messer erstochen zu werden. 

Rin seufzte, dann ließ sie die Leiche des Mannes in Ruhe und warf der anderen die Beute zu. 

»Okay, ich mach dir ein Angebot. Wenn ich vorhabe, dich zu töten, töte mich zuerst.« 

Die Fremde sah zur Waffe. In einer hektischen Bewegung griff sie danach und visierte Rin mit zittrigen Händen an. 

»Meine Güte, pass auf, dass du dich nicht selbst erschießt.« Rin schüttelte den Kopf, grinste wieder und deutete über die Wiesen hinab ins Tal. Der Ton in ihrer Stimme wurde ernst. »Nicht mehr lange, dann sind sie hier. Ich kann einen töten, ich kann auch zwei von ihnen die Kehlen durchschneiden. Aber dann wird‘s langsam brenzlig und es könnte mich meinen Kopf kosten. Der ist mir ein bisschen was Wert, also werde ich nicht drauf warten, dass sie mich in die Hände kriegen. Ich habe mich aber auch nicht eingemischt, damit du gleich wieder draufgehst. Wenn du leben willst, dann folge mir. Aber entscheide dich jetzt.« 

Rin wartete nicht. Sie holte ihren Rucksack, schulterte ihn und ließ den Blick durch die Dunkelheit schweifen. Eben noch bitterernst, schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, als die Fremde auf die Beine kam und vorsichtig in ihre Richtung strauchelte. 

»Mein Name ist Sato. Nanami Sato.« Sie sah zu Boden. Entweder vor Verlegenheit, oder weil sie beim Anblick der Leiche beinahe kotzen musste. Das Blut des Mannes klebte auch an ihr; als Rin ihn tötete, war es in ihr leichenblasses Gesicht gespritzt. 

»Wir müssen durch den Wald, wenn wir die Männer abhängen wollen. Ich hoffe, du kannst schnell laufen?« 

Nanami schluckte. Man hörte es deutlich. »Wieso?« 

Rin wollte ihr eine neckische Antwort geben, doch da hörte sie sich nähernde Schreie. Es wurde von einer Sekunde zur nächsten laut. 

»Behalte mich immer im Auge! Sieh zu, dass du nicht von meiner Seite weichst! Jetzt werden nicht nur die hinter uns her sein, Nanami Sato, uns wird der ganze Wald nachlaufen.«

 

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