Skyla Lane

3017 A.D.

Der Mann, den sie Jim Cave nannten
Kurzgeschichte

 

 

„Hast du’s schon gehört? Ich hab’s gehört. Grad eben am Kai. Es heißt, er sei wieder auf der Erde!“ Der alte Bob, den alle nur Hinkebein nannten, senkte die Stimme und klang wie ein rauer Seebär, als er weitersprach. „Du weißt schon, Er!“

„Er? Zum Teufel mit dir, von wem redest du? Treib dich nicht immer am Kai rum, du verlauster Säufer. Hier, nimm was richtiges und quatsch nicht.“ Geronimo Silver schob seinen Bierkrug über den Tresen und blickte mit sabberndem Grinsen zur Barbesitzerin Mary Fontain.

„Bei meinem alten Herrn“, murmelte Silver in seinen Schnauzer. „In solchen Möpsen erstickt man und freut sich noch drüber.“

„Hast du was gesagt, Geronimo?“ Die Stimme der Bardame war dunkel wie die Nacht. Wie von einem Kerl, dachte Silver dann immer. Es lief ihm eiskalt über den Rücken.

„Zum Teufel, nein, Mary. Alles in bester Ordnung. Hier, Hinkebein braucht noch einen Krug. Mach ihm einen Doppelten. Ach was, kipp ihm ein ganzes Fass ein! Der muss erst wieder klar werden.“

„Ich bin klar, aber du hörst nicht zu! Ich rede von ihm. Von ihm!“

„Und ich rede vom Wetter. Ist doch immer die gleiche Scheiße hier. Sandstürme über Sandstürme. Deswegen geht die Erde auch im Touristenbusiness unter. Bei meinem alten Herrn, wer sieht sich schon gerne Stürme an? Da lobe ich mir Zerepeia, zwar bisschen windig, aber kein Sand.“

„Von wem redest du denn, Bobby?“ Mary polierte ihre Gläser, setzte aber das milde Lächeln auf, das sie für die Alten und Ausrangierten übrig hatte. Solange sie nicht den Mund aufmachte, schoss es Silver durch den Kopf, war ihr Busen phänomenal.

„Hab es gehört, hab es gehört“, flüsterte Bob und nahm geistesabwesend den Krug entgegen. „Hab’s ganz genau gehört.“

„Verflucht, Bobby!“, äffte Silver Mary nach. „Sag doch einfach seinen Namen!“

„Kennst du nicht seinen Namen?“, mischte sich plötzlich der andere Gast am Tresen ein, der schon seit einer Stunde neben Silver saß und wie ein Mädchen an seinem heißen Met nippte. Er trug einen zerlumpten Cowboyhut und passend dazu einen braunen langen Mantel. Silver hatte ihn bisher ignoriert, weil er ihn für einen Freak hielt. Die Bar Wild West hieß nicht Wild West, weil das hier der wilde Westen war. Mary Fountain stand auf Legenden, das wusste jeder, und keiner kam auf den Gedanken, wie ein Cowboy rumzulaufen. Nicht, wenn man auch nur einen Suit im Gleiter hatte.

„Ey, Galgenmännchen, mich dich nicht ein. Könnte böse für dich enden“, Silver tippte mit seinem Daumen gegen die modifizierte Schallpistole, die an seinem Gürtel baumelte. Er grinste spitz. „Oder bist du auf Krawall aus?“

„In meinem Laden gibt‘s keinen Krawall, kapiert?“ Mary stemmte ihre Hände in die Hüften und baute sich zu voller Größe auf. Sie schob ihren Busen nach vorn und sah Silver herausfordernd an. „Kapiert, Geronimo?“

Silvers Mundwinkel zuckten, dann presste er seinen Kiefer zusammen. „Klar doch, Mary.“

„Natürlich, Ma’am.“ Der andere zog den Hut und setzte ihn wieder auf. So flink, dass Mary verwundert dreinblickte, ehe sie ihren rotblonden Lockenkopf schüttelte und sich Bob zuwandte.

„Sag schon, Bobby. Von wem redest du die ganze Zeit? Bobby?“

„Hinkebein pennt wieder.“ Silver gab dem alten Mann einen Klaps, doch das brachte wenig. Er kippte bloß nach vorn und schnodderte in seinen Ärmel.

„Armer alter Bobby“, seufzte Mary.

„Kein Wunder, dass das System die Alten aussortiert. Der gewinnt keinen Krieg mehr.“

Mary plusterte sich auf und fuchtelte mit ihrem Putztuch vor Silvers Nase herum. „Lass das, Geronimo! Ich bin froh, dass wir mit niemand im Krieg liegen. Beschwör es nicht!“

„Ich beschwöre rein gar nichts. Mann, ihr müsst euch doch wirklich keine Sorgen machen. Wen interessiert schon die Erde? Weder Touristen, noch die Kriegstreiber. Die machen allesamt einen großen Bogen hier rum, und das habt ihr euch selbst zuzuschreiben. Acht Weltkriege in Tausend Jahren. Da läuft das Fass über, Mary. Bei meinem alten Herrn, da schwappt es über’n Krug hinweg.“

„Elender Kopfgeldjäger, als wärt ihr keine Bande kriegsfreudiger Halunken!“

„Na, na, Mary. Ich mag deinen Met, aber reiz mich nicht. Geronimo Silver ist kein Kopfgeldjäger, sondern Gesetzeshüter im Dienste der Zerepeianischen Regierung. Und du, Galgenmännchen, was bist du, hä?“

„Nur ein Reisender, Sir.“

„Ein Reisender? Hast du als Reisender auch einen Namen? Stehst vielleicht auf meiner Liste.“

Der Fremde lächelte unter seiner Krempe hervor und verneigte sich leicht. „Nennt mich den Mann im feinen Zwirn, Geronimo Silver.“ Er zog seinen Mantel leicht zur Seite; darunter verbarg sich eine tadellos gepflegte, graue Weste.

„Zum Teufel, der Mann im feinen Zwirn? Was ist denn bei dir schief gelaufen?“

Mary rutschte ihr Korsett zurecht und strich sich übers Kleid. „Nicht jeder muss Suits bevorzugen.“ Falls sie ein Kompliment erwartet hatte, wurde sie enttäuscht. Geronimo Silver war für seine Fertigkeiten mit der Schallpistole bekannt, nicht für kultiviertes Benehmen.

Silver wollte dem Fremden was Derbes ins Gesicht sagen, aber die Bartür sprang scheppernd auf. Sämtliche Gespräche der Gäste verstummten, und selbst Silver spürte das Kribbeln im Nacken; die nahe, drohende Gefahr. Langsam drehte er sich auf seinem Hocker herum, legte die Ellbogen auf den Tresen und straffte die Schultern.

Es waren drei Robots; für Silver Konkurrenten, wenn man es genau nahm, denn sie jagten, was er jagte: gesuchte Verbrecher quer durch die Galaxie.

„Robots auf der Erde, Mann“, rief Silver und klatschte in die Hände. „Zum Teufel, der Sand muss euch doch ins Getriebe kriechen. Was führt euch her, Jungs? Marys heißer Met? Lasst lieber die Finger davon, dafür habt ihr das falsche Baujahr. Das Zeug würde euch die Scharniere ölen .“ Er lachte schallend über seinen Witz, blieb aber auch der einzige. Alle anderen sahen ihn erschrocken an.

„Ich versichere, meine Bar ist clean.“ Mary hatte das Poliertuch beiseite gelegt. In ihrem Gesicht spiegelten sich Wut und Angst gleichermaßen, trotzdem sah sie nicht aus wie eine Frau, die Reißaus nahm. Silver wusste das; dafür schätzte er Mary Fontain. Dafür, und für ihren Busen.

Das quietschende Geräusch, als einer der Robots den mechanischen Arm hob, ließ die Gäste des Wild West zusammenfahren. In der Luft stank es nach Panik; nach salzigem Angstschweiß. In der Bar saßen hauptsächlich Bewohner der Erde, dann ein Quartett vom Centauri Beta Komplex und natürlich Silver. Silver sah als einziger nicht verängstigt aus, eher kampfbereit. Doch auch er rührte sich nicht, als der Robot einen großen Zettel so gegen die Holzwand stieß, dass der einfach haften blieb.

„Was soll das sein?“, empörte sich Mary. „Was hängt ihr da auf?“

„Gesucht“, sagte die Stimme des Robots, die verriet, dass er der alten Generation angehörte. Neue Robots hatten Stimmen ähnlich der Androiden 5ter Generation. „Gesucht“, wiederholte er und auch die anderen beiden begannen, immer und immer wieder Gesucht zu sagen.

„Idioten. Ihr gehört auf den Schrott und nicht nach draußen. Aber genau so laufen die Sparmaßnahmen vom Jupiter. Stecken die ganzen Token in Waffen und lassen Schrott Flyer verteilen.“

„Ist das nicht ein Steckbrief, Silver?“ Mary zeigte misstrauische Neugier, traute sich aber nicht, hinterm Tresen vorzukommen und nachzusehen. Erst, als sich die Robots umdrehten und die Bar verließen, atmeten alle tief durch und sprangen von ihren Plätzen.

„Wer ist es?“, fragte Mary über die Köpfe hinweg. „Wen suchen sie?“

„Oh Gott!“, rief eine junge Frau, an deren Brust ein Baby nuckelte. Silver musste sich zusammenreißen, nicht draufzublicken, um stattdessen zum Steckbrief vorzudringen.

„Es ist er!“, sagte ein anderer Gast, ein fetter 40er, der in seinem Suit aussah wie eine Presswurst. „Es ist er!“

„Nicht schon wieder“, murmelte Silver und ließ sich auf einen der Stühle fallen. Gegen den Menschenauflauf konnte er nichts ausrichten. Ans Papier kam er nicht ran.

„Sagt doch einfach mal seinen Namen, zum Teufel!“, rief er wütend.

„Jim!“

Es war Bob. Stocksteif saß er auf dem Barhocker und blickte Reihum. Er sah nicht aus, als hätte er eine Ahnung, um was es ging, doch sein Gesicht war vor Ehrfurcht erblasst. „Jim Cave!“

„Jim Cave?“

„Jim Cave!“, sagten die Gäste abwechselnd, bis es ein unheimliches Flüstern wurde.

„Jim Cave?“, flüsterte Mary und fasste sich an die pralle Brust. Endlich zerstreute sich die Meute, und sie erreichte den Steckbrief, gefolgt von Silver, der es schwer hatte, sich von ihrer monumentalen Weiblichkeit zu lösen. „Meine Güte, Silver, das ist ja …“

Silver blinzelte und drehte sich abrupt um die eigene Achse. „Das Galgenmännchen!“

„… der Mann im feinen Zwirn!“

Doch der war weg, und außer ein paar Scheinen lag nichts auf seinem Hocker.

 

***

 

Als Geronimo Silver das Wild West verließ, wütete gerade ein Sandsturm über Neu Detroit. Silver rümpfte die Nase und hielt sich die Hände vor’s Gesicht, doch er verschwendete keinen Gedanken daran, kehrtzumachen. Stattdessen kämpfte er sich seinen Weg über die Straße und stieg in einen Tunnel ein, der zum Underground führte, den Wohnsiedlungen der Detroiter. Dort warteten auch andere auf das Sturmende.

„Kein gutes Wetter“, sagte Silver, weil sich alle Augen auf ihn richteten. „Aber hat man hier ja nie“, fügte er leise hinzu, drehte sich zum Tunnelausgang und setzte sich an die Wand. Gähnend ließ er den Kopf auf die Brust sinken. Stürme konnten Stunden dauern. Ein Nickerchen war also drin.

„Sind sie Geronimo Silver?“

Silver öffnete schlagartig die Augen und knurrte in seinen Schnauzer. „Wer will das wissen?“

Ein Junge stand vor ihm: krauses Haar und große, fragende Augen. Sein Gesicht war todernst und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Wäre er keine halbe Portion gewesen, hätte das Silver zur Vorsicht gemahnt. So aber blieb er an der Wand sitzen und wartete auf eine Antwort.

„Thomas Rondell. Sie sind wirklich Silver, nicht wahr? Silver, der Kopfgeldjäger. Sind sie wegen ihm hier?“

„Bei meinem alten Herrn“, erwiderte Silver. „Der nächste, der seinen Namen nicht ausspricht, kriegt was auf den Schädel! Und ja, Bursche, ich bin wegen ihm hier! 40.000 Token, Jupiter lässt sich seinen Kopf was kosten. Ich wäre verrückt, ihn mir entgegen zu lassen.“

Die Augen des Jungen traten fast heraus. Silver erwartete, dass er sich äußern würde; schreien, toben, fluchen oder was Menschen sonst immer gerne taten. Stattdessen aber drehte er sich abrupt um und rannte in den hinteren Teil des Tunnels, der zum Underground führte. Eine Handvoll Kinder standen dort, und als der Junge bei ihnen ankam, verfielen sie in aufgeregtes Tuscheln. Silver grinste; so mochte er das.

Während der Sturm weiter tobte, schlief Silver seinen Rausch aus. Ab und an blinzelte er durch die verschlafenen Augen hindurch, doch solange sich am Wetter nichts änderte, brauchte er auch nicht zum Kai gehen. Starterlaubnis gab es erst, wenn sich der Himmel klärte.

„Mr Silver?“

Silver brummte in sich hinein, als die Stimme des Jungen von vorhin in sein Bewusstsein drang. „Was denn?“, nuschelte er im Halbschlaf.

„Warum wird er gesucht?“

„Zum Teufel mit dir, Bursche! Ich …“ Silver verstummte, als er die Augen öffnete und die Traube Kinder vor sich sah. Fünf Augenpaare, eines größer als das andere, glotzten ihn bestürzt an. „Schert euch weg, ihr kleinen Sesselfurzer. Sucht euch wen anderes zum Reden.“

„Aber sie sind doch Geronimo Silver. Der Geronimo Silver! Wenn’s einer weiß, dann sie. Wir haben die Robots gesehen, und Pierce vom Kai hat gesagt, die wären wegen ihm hier.“

„Bei meiner Seele … Jim Cave, Mann. Nennt ihn doch einfach Jim Cave, wenn der so heißt!“

„Sie kennen ihn nicht?“, sagte ein älteres Mädchen, das glatt eine weibliche Kopie des Jungen hätte sein können. Sie trat vor, doch da schob sich ein besonders dickes Exemplar nach vorne: ein Junge von geringer Größe und flachsblondem Haar.

„Meine Mutter sagt, es bringt Unglück, seinen Namen zu sagen!“, presste er durch seine Schmolllippen hindurch. Mit verschränkten Armen blickte er auf Silver hinunter, der nur die Stirn runzeln und sich stöhnend erheben konnte. Er hasste es, in die Enge getrieben zu werden. Und er mochte keine Kinder. Eine Kombination aus beiden war ein Alptraum.

„Deine Mutter ist eine fette Lügnerin, wenn sie glaubt, ein Name bringe Unglück.“

„Meine Mutter ist nicht fett!“, rief der Junge. Empört klatschte er die Fäuste ineinander und spuckte auf den Boden. Silver sah er an wie seinen ärgsten Rivalen.

„Ist mir egal, was die ist. Aber es ist trotzdem eine Lüge. Jim Cave, Junge. JIM CAVE!“, schnaubte Silver ihm ins Gesicht.

Plötzlich verebbte der Sturm. Silvers Gesicht erhellte sich. „Siehst du, Schweinsnase? Wenn, dann bringt der Name Glück. Und eine Stange Geld.“

Silver streckte seine müden Knochen und verließ den Tunnel. Doch Thomas Rondell kam ihm nach und hielt ihn noch mal auf. „Warten sie, Mr Silver. Bitte, sie dürfen Jim Cave nicht ausliefern!“

Silver lachte nur und schüttelte den Kopf. „Nein?“

„Nein“, sagte Thomas fest. „Wenn sie noch nie was von ihm gehört haben, Mr Silver – ich meine, Jim Cave ist doch ein Held!“

„Held oder Unglücksbringer? Jungs, ihr müsst euch entscheiden.“

„Carl ist ein Idiot, wirklich. Der ist nur sauer. Aber Jim Cave, über den haben wir soviel gelernt. Der war im Siebten dabei und hat die atomare Zersetzung verhindert, und der hat für den Mars gekämpft, Mr Silver.“

Silvers Gesicht nahm einen ungläubigen Zug an. Seine Miene verdunkelte sich. „Ich mag’s nicht, verarscht zu werden, Thomas Rondell. Ich erinnere mich gut an Namen. Auch an deinen, wenn’s sein muss. Keiner der heute lebt, kann im Siebten gekämpft haben. Und erst recht nicht im Krieg der Marsianer. Beides ist über 300 Jahre her.“

„Weil er ein Frosti ist, Mr Silver. Der einzige, den es noch gibt!“

„Jetzt lügst du mir ins Gesicht, und das kann ich gar nicht leiden, Thomas Rondell!“ Silvers Rechte glitt warnend zu seiner Schallpistole. Ein kleiner Schreckschuss tut nicht weh, dachte er. Doch ein bekanntes, quietschendes Geräusch erregte plötzlich seine Aufmerksamkeit.

„Robots?“ Er drehte Thomas den Rücken zu und zog die Schallpistole aus dem Halfter. Es dauerte, bis er die rostigen Robots in der Ferne erkannte. Diesmal waren es fünf, und sie steuerten so zielgerichtet auf ihn zu, dass er in Alarmbereitschaft ging.

Silver wandte sich Thomas zu. „Hey Junge, steh da nicht dumm rum. Hau endlich ab!“

„Kann nicht …“, quiekte Thomas zittrig. „Ich kann mich nicht bewegen. Ich komm nicht los, ich will ja.“

„Bei meinem alten Herrn!“, fluchte Silver und rannte auf den Jungen zu, packte ihn und lief die Straße runter. Der Sand knirschte unter seinen Stiefeln und Leute, die auf dem Weg zum Undergound-Tunnel waren, wichen ihnen entrüstet aus.

„Was soll das?“, rief eine Frau, die ihren Holo-Hund ausführte.

„Vorsicht, Leute!“, motzte einer, der gerade Stühle vor seinem Cafe zusammenflickte.

„Paralysestrahl“, japste Silver, während er Thomas über der linken Schulter trug und um die nächste Ecke bog. „Was wollen die von dir?“

Thomas konnte nicht antworten, weil Silver in dem Moment abdrehen musste. Drei weitere Robots kamen direkt auf sie zu. Die anderen Fünf näherten sich von hinten.

„Eingekreist, zum Teufel! Scheiße!“ Silver ließ Thomas auf den Boden fallen und entsicherte seine Schallpistole. „Deswegen trägt man Suits!“, keifte er und drehte sich im Kreis bei dem Versuch, alle Robots gleichzeitig im Auge zu behalten. Noch war der Abstand groß, doch er verringerte sich mit jedem Atemzug.

„Gesucht“, sagten mehrere Robots gleichzeitig. „Gesucht, Gesucht.“

„Ihr sucht Jim Cave, ihr schimmligen Schrottlauben! Das hier ist nicht Jim Cave!“

„Gesucht.“

„Information.“

„Gesucht, Gesucht.“

„Junge hat Informationen.“

„Aus dem Geschichtsunterricht, ihr idiotischen Konservenbüchsen!“, schrie Silver ihnen entgegen. „Das weiß hier jeder!“

„Gib Informationen. Junge hat Information. Gib Informationen oder Eliminierung wird eingeleitet.“

„Argh!“ Silver raufte sich die Haare, packte Thomas und hob die Feuerwaffe zielgerichtet gegen die Front aus Robots. „Schluckt Schall!“ Er drückte ab, rannte hinterher und schlängelte sich rechtzeitig an zwei der benommenen Robots vorbei. Von hinten hörte er jedoch die Schüsse der anderen; kein Schall, sondern Feuerwaffen. Es schlug direkt in den riesigen Tankbehälter ein, der hier zur unteren Stadtversorgung aus dem Boden ragte. Silver verfluchte die Erde und ihre Kriegswut; den Grund für ihre veralteten Systeme der Versorgung. Während sich Tausende Liter Wasser über die versandete Straße ergossen, musste Silver mit Thomas wieder umdrehen. Das Wasser im Nacken, stand er abermals den Robots gegenüber, die allesamt ihre Geschütze ausgefahren hatten.

„Das war das letzte mal, dass ich nach Neu Detroit komme. Und, Thomas, irgendeine Idee?“

„Jim Cave?“

„Tolle Idee, wirklich.“

„Nein, ich meine – da ist Jim Cave!“

„Bei meinem alten Herrn!“, fluchte Silver, als er sich abermals drehte und Thomas‘ ausgestreckten Fingern folgte. Da stand wieder das Galgenmännchen aus Mary Fontains Bar, zwei Revolver in der Hand und diesen lächerlichen Hut auf dem Kopf. Silver wollte seinen Augen nicht trauen, und verblüfft wie er war, richtete er nicht mal seine Schallpistole auf den Fremden, von dem jeder, außer ihm, schon gehört haben musste.

„Gesucht“, sagten die Robots einstimmig. „Gesucht, Gesucht, Gesucht.“ Sie überschlugen sich fast, als sie ihre mechanischen Schleudern auf Jim Cave richteten. Der aber rannte schon wieder auf die andere Straßenseite, feuerte aus seinen Revolvern und lachte, dass es weit und breit zu hören war.

„Was zum …“ Silver musste Thomas runterlassen, als er plötzlich einen stechenden Schmerz im Bauch spürte. Er schlug die Augen zu und wieder auf und schluckte schwer. Thomas neben ihm kam auf die Beine, offenbar freigegeben vom Paralysestrahl, und sah ihn schockiert an.

„Sie bluten, Mr Silver!“

„Ich blute?“ Verdutzt blickte Silver an sich runter; dorthin, wo der Schmerz saß. „Dieser Scheißkerl hat mich angeschossen …“ Silver sackte auf die Knie, als ihm schwarz vor Augen wurde. Thomas stützte ihn, doch der schmächtige Junge konnte Silvers Fall nicht abwenden. Stattdessen versuchte er ihn vom Kampfplatz wegzuziehen.

„Lauf lieber, Thomas, lauf. Ich komme schon klar. Argh!“

Thomas ließ zögernd seine Hand los und blickte zu Jim Cave, der um die Robots herumtänzelte und wenigstens schon drei von ihnen niedergeschossen hatte.

„Er hat’s nicht mit Absicht gemacht“, beteuerte Thomas noch, ehe er sich duckte und an Silver vorbeirannte. „Danke für’s Helfen, Mr Silver. Das vergesse ich ihnen nie, ich schwör‘s! Es wird alles gut, sie werden sehen. Jim Cave rettet sie.“

„Retten?“, keuchte Geronimo Silver, ehe ihn die Ohnmacht niederstreckte. „Der hat mich erschossen, zum Teufel.“

Kommentar verfassen